Verena Niebel | Projekt | Vita | Publikationen 

Wertvorstellungen höfischer Tracht in neuassyrischer Zeit


Altorientalische Philologie und Vorderasiatische Archäologie
Betreuung: Prof. Dr. Thomas Richter

Die Textilindustrie im Vorderen Orient geht auf eine lange Tradition zurück. Neben wirtschaftlichen Aspekten sind mit dem textilen Handwerk von Beginn an auch ideologische Werte zu verbinden. Einen Eindruck dieser Verknüpfung bietet ein sumerisches Streitgespräch zwischen Mutterschaf und Getreide, das die Gleichsetzung der Befähigung des Menschen zur Herstellung von Brot und Kleidung mit dem Übergang vom Urmensch zum zivilisierten Menschen offenbart. Mythologisch wird dieser Entwicklungssprung durch die Einsetzung der Göttin des Getreides Ašnan und der Göttin der Webkunst Uttu nachvollzogen.

In den folgenden Jahrtausenden belegen Textzeugnisse immer wieder den metaphorischen Stellenwert von Kleidung. So kann das Anlegen neuer Kleider beispielsweise einen Vertragsschluss besiegeln oder das Abschneiden eines Gewandsaums eine Scheidung symbolisieren. Des Weiteren bilden Gewänder Bestandteile verschiedener Zeremonien, wie das Kleiden der Götter, der heiligen Hochzeit oder Ausdruck der Trauer. Ebenso wie das Anlegen herrschaftlicher oder göttlicher Gewänder die Annahme eines gesellschaftlichen Status oder die Übernahme von Macht zum Ausdruck bringen kann, bilden auch reiche Gewänder als Gastgeschenke Teil einer politischen Verhandlungsgrundlage.


Der thematische sowie zeitliche Rahmen des Promotionsvorhabens liegt auf höfischer Tracht in der neuassyrischen Periode. Grundlage bilden die Gewanddarstellungen der überlebensgroßen Orthostatenreliefs aus dem Palast Assurnasirpals II. (883-859 v. Chr.) in Nimrud. Gezeigt werden dort vorwiegend der assyrische Herrscher, sein Hofstaat sowie zahlreiche – als Genien bezeichnete – geflügelte Wesen. Diese Reliefdarstellungen zeichnen sich vor allem durch das reichhaltige Repertoire figürlicher Gewandverzierungen aus, die in Form von Ritzzeichnungen auf den Gewändern abgebildet sind. Zu den dargestellten Figuren gehören neben den genannten Gewandträgern auch mythische Wesen wie lamassu, Greife oder weibliche – häufig als Göttin interpretierte – Gestalten mit vier Flügeln. Hinzu kommen zahlreiche Tierdarstellungen, wie z. B. Boviden, Equiden, Capriden, Cerviden aber auch Feliden, die in geflügelter als auch in ihrer natürlichen Form auftreten können.

Vor allem die gezeigten Interaktionen, die neben Kampf- und Prozessionsszenen auch antithetische Kompositionen am Baummotiv und Tierbezwingerszenen enthalten, geben Anlass dazu die Funktion figürlicher Gewandverzierungen zu hinterfragen. Die Art der gewählten Verzierungen legt dabei nahe, dass den Gewändern – neben dem Ausdruck ethnischer Zugehörigkeit und sozialem Status des Trägers – auch ein apotropäischer Wert beizumessen ist.

Ziel der Arbeit stellt daher die Zusammenführung der bildlichen Überlieferung mit Erkenntnissen philologischer Quellen dar, um die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten neuassyrischer Kleidung zu untersuchen.