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Gemeinschaftsbildende und – erhaltende Bedeutung des Essens unter uzbekischen Migranten im Einwanderungsland USA


Ethnologie mit regionalem Schwerpunkt Nordamerika
Betreuung: Prof. Dr. Marin Trenk

Aus anthropologischer Sicht ist Essen das erste Grundbedürfnis der Menschen. Da wir alle essen müssen, nimmt es eine so große Rolle in unserem Leben ein. Die erste Beziehung, die wir als Baby mit der Außenwelt knüpfen, ist die Befriedigung unseres Hungers. 

Mit Roland Barthes gesprochen, ist Essen ein Grundbedürfnis, das hochgradig strukturiert ist und damit zu einem ganzen Kommunikationssystem wird. Durch unseren Geschmack können wir unsere soziale Stellung in der Gesellschaft kommunizieren. Wir können unsere Zugehörigkeit oder unser Anders-sein ausdrücken. Wir können Hierarchien schaffen und aufzeigen, indem wir Essen verteilen. Und wir können mittels gemeinsamen Essens soziale Beziehungen knüpfen und diese auch erhalten.

Essen ist also auch ein kulturelles Objekt, es ist Teil der materiellen Kultur einer Gruppe, einer Gemeinschaft, eines Landes. Zu einem Gericht an sich, das aus 'Rohstoffen' zu etwas Neuem transformiert wurde, gehören auch bestimmte Koch- und Speiseutensilien, die sehr spezifisch sein können.

In der Selbstwahrnehmung der Uzbeken spielt sowohl das gemeinsame Essen, gegenseitige Essenseinladungen, Essen auf Feiern und die damit einhergehende nachbarschaftliche Hilfe bei der Bildung sozialer Beziehungen und der Identität, als auch die Gerichte inklusive Zutaten und Koch- und Essgeschirr eine große Rolle. In Uzbekistan wird dem Reis-Fleischgericht osh palov der größte Wert zugesprochen. Während osh palov noch bis in die Anfänge des 20. Jahrhundert ein Essen war, das sich nur wenige leisten konnten, spielt er inzwischen eine zentrale Rolle in der uzbekischen Küche und hat eine große identitätsbildende Wirkung.

Meine Dissertation will sich der Frage zuwenden, wie sich dieser Wert des gemeinsamen Essens für die Bildung soziokultureller Strukturen für Menschen in der Diaspora verändert.

Der identitätsbildende Wert von als „national“ betrachteten Gerichten bei uzbekischen Migranten soll in meiner Fragestellung aufgegriffen werden. Darüber hinaus möchte ich mir den Wert der gegenseitigen Essenseinladungen und dabei die Rolle des osh palov, für die Netzwerkbildung genauer ansehen.

Weitere Fragen sind zum Beispiel: Wie gehen uzbekische Migranten mit den Herausforderungen einer anderen Umwelt um? Geben sie ihr nationales Essen auf, weil wichtige Zutaten nicht zu finden sind? Lassen sie sich die fehlenden Nahrungsmittel aus der 'Heimat' mitbringen? Oder wandeln sich die Zutaten mit der Umgebung und ergeben dann ein modifiziertes Gericht? Was ist mit den Objekten der Zubereitung und der Präsentation des Essens: Werden geeignete Geräte in der neuen Umgebung gesucht, oder werden diese, aufgrund der zentralen Bedeutung des Essens, und der daran hängenden Erinnerungen, mitgebracht?

Meine Forschungsarbeit beleuchtet den kulinarischen Aspekt der materiellen Kultur in der Ethnologie und leistet ferner einen Beitrag zur Migrationsforschung, dort insbesondere zur Forschung des homemaking und communitymaking.