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Transfer und Transformation von Werten. Studien zu Gebrauch und Bedeutung römischer Importgefäße im sogenannten Barbaricum


Archäologie und Geschichte der römischen Provinzen
Betreuung: Prof. Dr. Markus Scholz

Das Thema „Römischer Import im Barbaricum“ weist eine über hundertjährige Forschungstradition auf. Gegenstände römischen Ursprungs außerhalb des Römischen Reiches genossen zu allen Zeiten Aufmerksamkeit, doch hat die mangelnde Kenntnis über die „barbarischen“ Fundkontexte lange das Verständnis von Sinn und Zweck der römischen Artefakte in der fremden Umgebung erschwert. Mittlerweile existieren jedoch mannigfache Studien über Typologien und Chronologien römischer Funde und deren Verwendung, Abhandlungen über die Bedeutung solcher Artefakte im grenzüberschreitenden Handel, der Diplomatie oder für barbarische Gesellschaften. Die meisten Studien sind jedoch regional begrenzt.

Die archäologische Grundlage für die im Arbeitstitel formulierte Studie bilden Siedlungs- und Hortfunde sowie Grabinventare. Der Rahmen für das Projekt ist aus chronologischer Sicht mit der römischen Kaiserzeit und räumlich mit dem sogenannten „Barbaricum“ abgesteckt, also Regionen, die vom heutigen Schottland über Skandinavien, Mittel- und Osteuropa bis zum Schwarzen Meer reichen.

Die grundsätzliche Frage des Projektes ist, welchen Veränderungen römische Metallgefäße unter den Aspekten Wert und Funktion über verschiedene Perioden und Räume hinweg unterlagen. Eine neue Typologie oder relative Chronologie wird nicht angestrebt. Die Auseinandersetzung mit Theorien aus dem archäologischen und ethnologischen Fachbereich aber auch aus fremden Disziplinen wie der Soziologie oder Volkswirtschaftslehre dienen dazu, Leitfragen zu entwickeln, um einerseits relevante Kontexte und Untersuchungsräume gezielter auswählen zu können und andererseits um die Studie über die archäologischen Fragestellungen hinaus in diachrone Betrachtungen einbeziehen zu können.

Die Voraussetzungen für das Projekt sind günstig, denn inzwischen ist das Fundmaterial stark angewachsen und in den Bänden des „Corpus der römischen Funde im europäischen Barbaricum“ gut zugänglich erfasst. Es stellt den wesentlichen Datenpool römischer Importgefäße jenseits der Grenzen des Römischen Reichs bereit. Außerdem liegt eine Reihe neuer regionaler Studien zum römischen Import vor, über die das Spektrum und Kontexte erschließbar sind. Unter diesen Ausgangsbedingungen können nun auch mit Aussicht auf Erfolg theoretische Perspektiven auf den interkulturellen Güteraustausch und die dahinter stehenden Wertvorstellungen, funktionalen Bedürfnisse und Gebrauchsmuster angewendet werden.

Hinsichtlich der Methodik ist geplant, ausgewählte Fundkomplexe und Regionen für die Analyse und Diskussion heranzuziehen, nicht aber den gesamten Corpusbestand. Diese Arbeit ist als Literaturstudie konzipiert und Synthesen auf der Metaebene von Wertkonzepten verpflichtet. Eigene Feldforschungen sind nicht vorgesehen, aber nach Bedarf Sichtungen und Revisionen einschlägiger Bestände in den betreffenden Institutionen.

Der Fokus liegt zunächst auf römischen Metallgefäßen, da ihr Vorkommen zum Beispiel in Form von Silberbechern in Fürstengräbern, als Kochgeschirrbestandteile in sozial niederen Bestattungen und Hortfunden oder auch als Schrott in Siedlungen die Diversität ihrer Wertschätzung offenbart. Vor allem interessieren dabei die Selektion einzelner Gefäßformen und Materialien und der unterschiedliche Umgang damit. Diesbezüglich deuten sich auch regionale Unterschiede an. Die Betrachtung anderer Materialgattungen wie Glas oder Keramik kann in die Studie vergleichend einbezogen werden. Römische Glasgefäße genossen im Barbaricum oft ebenso hohe Wertschätzung wie solche aus Metall. Lokal hergestellte keramische Imitationen aus Ton typischer Metall- und Glasformen könnten Einblicke in das Verhältnis von Angebot und Nachfrage oder über den materiellen und ideellen Stellenwert geben.

Der Standort des Graduiertenkollegs in Frankfurt am Main begünstigt einen engen wissenschaftlichen Austausch mit der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts und dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum. Der Aufbau internationaler Kontakt wird dadurch gefördert.