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Die Glyptik von Tell Chuera – Siegelpraxis in administrativem und ökonomischen Kontext im 3. Jt. v. Chr. In Nordost-Syrien


Altorientalische Philologie
Betreuung: PD Dr. Thomas Richter

Siegelabdrücke und –abrollungen auf Ton, s.g. Cretulae, spielen in administrativen Prozessen im Vorderen Orient in jeder Epoche eine wesentliche Rolle. Diese Rolle scheint aber nicht über alle Perioden hinweg einheitlich zu sein. So sind sie seit ihrem Erscheinen in der zweiten Hälfte des 7. Jts. v. Chr. in verschiedenen Kontexten verwendet worden; sie dienten als Kennzeichen von Eigentum einer Person oder Institution, zur Kontrolle des Zugriffs auf wertvolle Güter und in schriftlichen Perioden auch als Unterschrift in Verträgen. Vor allem sind sie Bestandteil administrativer Systeme, die sich in prähistorischen Perioden nahezu ausschließlich über sie nachweisen lassen und auch in späteren Perioden eng mit wirtschaftlichen Prozessen verwoben sind. Bereits im Neolithikum lassen sich in Syrien Ansätze einer Verwaltung erkennen, die sich im Sammeln und kollektiven Lagern von geöffneten Gefäßverschlüssen äußert. Ein Teil dieser Verschlüsse wurde nach dem Öffnen gebrannt, vermutlich um sie haltbar zu machen. Diese Praxis, gesiegelte Verschlüsse zu konservieren, lässt sich in Syrien bis in das 3. Jt. v. Chr. belegen. Obwohl seit dem ausgehenden 4. Jt. v. Chr. schriftliche Dokumente in Form von Verwaltungsurkunden belegt sind, wurden im 3. Jt. weiterhin Cretulae gesammelt und gelagert, sodass ihnen anscheinend eine eigene Bedeutung zukam, die nicht allein durch Texte ersetzt werden konnte.
Ziel der Arbeit ist eine detaillierte Analyse der Verwendung von Cretulae in administrativen Prozessen, die Aufschluss über die Organisation der Verwaltung geben können. Ein besonderer Fokus liegt auf der Praxis des Brennens von geöffneten Verschlüssen und der Frage, weshalb einige Verschlüsse so wertvoll waren, dass sie haltbar gemacht wurden. Darüber hinaus werden Ursachen und Wirkungen von veränderter Nutzung für das 3. Jt. v. Chr. in Nordsyrien sowie benachbarten Regionen in die Untersuchung mit einbezogen.
Ausgehend vom – weitestgehend noch unveröffentlichten – Siegelmaterial des Tell Chuera soll geklärt werden, inwieweit durch die Erfindung der Schrift und Einführung von Verwaltungstexten seit dem Ende des 4. Jt. v. Chr. eine Veränderung des Bedeutungsbereichs von Siegeln und Siegelungen vorliegt. Dies beinhaltet wie sich diese Veränderung gegebenenfalls äußert, welche Ursachen dafür herangezogen werden können und ob sich weitere Bedeutungsverschiebungen nachweisen lassen. Damit zusammenhängend soll überprüft werden, welche Aussagen anhand der Siegel und ihrer Abdrücke über das administrative und wirtschaftliche System gemacht werden können und ob sich durch sie Veränderungen dieses Systems erkennen lassen.