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Form, Kontext und Funktion prähistorischer Skulpturen in Nigeria und vergleichbaren Kulturkomplexen in Westafrika


Vor- und Frühgeschichte Afrikas
Betreuung: Prof. Dr. Peter Breunig

Großformatige Figuren haben in Afrika eine weit zurückreichende Geschichte. Die bisher ältesten aus dem subsaharischen Raum bestehen aus gebranntem Ton (Terrakotta) und stammen aus Zentral-Nigeria. Sie gehören zu einem archäologischen Komplex, welcher als Nok-Kultur bezeichnet wird und von etwa 1500 v. Chr. bis um die Zeitenwende existierte.

Fast achtzig Jahre nach dem ersten Terrakottafund leitet seit 2005 ein interdisziplinäres Team um Prof. Dr. Peter Breunig vom Institut für Archäologische Wissenschaften der Goethe-Universität die Erforschung der Nok-Kultur (seit 2009 als DFG-Langzeitprojekt). Die bisherigen Untersuchungen ergaben unter anderem, dass die Figuren aus einem Zeitraum von etwa 900 bis 400 v. Chr. stammen. Neben der normierten Anfertigung von Terrakotten ist die frühe Eisenverhüttung und -verarbeitung als weitere kennzeichnende technologische Errungenschaft zu nennen. Fehlende Vorläufer - sowohl für die Figuren als auch die Eisenproduktion - deuten auf autochthone Entwicklungen hin.

Kontrovers diskutiert wird der Zusammenhang zwischen der Nok-Kultur und jüngeren archäologischen Komplexen, in denen ebenfalls Figuralkunst auftritt. Allein in Nigeria sind mehrere Traditionen mit Figuren aus Ton, aus Stein und später auch aus Bronze oder Messing bekannt. Ausgehend von den im Frankfurter Projekt gewonnenen Erkenntnissen über die Nok-Terrakotten werden diese Skulpturenkomplexe in einer Vergleichsstudie untersucht – sowohl in räumlicher als auch in diachroner Hinsicht. Eine übergeordnete Frage ist, inwieweit sich die Traditionen gegenseitig beeinflusst oder gar bedingt haben?

Die Analysen bauen insbesondere auf Figuren aus archäologisch dokumentiertem Kontext auf. Zu den harten Fakten, welche die Grundlage des Vergleichs bilden, gehören die Eigenschaften der Befunde (Größe, Tiefe, Lage, Sediment und Vergesellschaftungen) sowie der Funde selbst (Material, Produktionstechnik, Form, Stil und Motivik sowie Fragmentierungsgrad).

Während für die Nok-Kultur die Ergebnisse der Frankfurter Forschungen zur Verfügung stehen, beruht der Vergleich mit den anderen Figuraltraditionen vor allem auf Informationen aus Publikationen und eigenen Aufnahmen bei Reisen.

Ziel ist ein Überblick über prähistorische Traditionen mit Figuren aus Terrakotta oder anderen Materialien und die Herausarbeitung gemeinsamer und trennender Merkmale auf Grundlage des Vergleichs der Objekte selbst und des Zusammenhangs, aus dem sie stammen. Hinzu kommen Fragen zur Bedeutung und Funktion, wobei insbesondere Theorien zur sozialen Funktion der Figuren zu verfolgen sind, so Chapmans „enchained relations“ (2000). Verbindungen zu Ritualen und Ahnenkult werden oftmals vermutet, doch bleiben die Interpretationen notgedrungen hypothetisch und nicht selten spekulativ. Neue Grabungsbefunde bieten inzwischen jedoch näheren Aufschluss.

Mit den theoretischen Überlegungen soll ein Versuch unternommen werden, den jeweiligen gesellschaftlichen Wert der Figuren herauszustellen. Zu den zentralen Fragen gehören: Handelte es sich um einen Wert, der sich aus dem alltäglichen Gebrauch ergab, oder wurden Figuren für religiös-rituelle Handlungen hergestellt, beispielsweise im Kontext von Begräbnissen? Haben sich Funktion und Wert diachronisch verändert? Wurden Traditionen weitergegeben? Oder entstanden neue Wertsysteme?