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`Ancient Merchandise´. Herstellung, Distribution und soziale Wahrnehmung von Memorabilia zu Gladiatorenkämpfen und Wagenrennen in der Römischen Kaiserzeit.


Archäologie und Geschichte der römischen Provinzen
Betreuer: Prof. Dr. M. Scholz

Das Imperium Romanum brachte während der Prinzipatszeit die erste als solche zu bezeichnende Unterhaltungsindustrie der Weltgeschichte hervor. Wo Rom hingelangte, entstanden innerhalb kürzester Zeit Arenen, Hyppodrome und Theater. Egal ob Garnison mit Lagerdorf oder bevölkerungsstarke Handelsmetropole, zumindest das Amphitheater gehörte fest zur lokalen Infrastruktur. Rund um die munera genannten Veranstaltungen zur Unterhaltung der Massen etablierte sich seit dem ausgehenden ersten Jahrhundert vor Christus ein Wirtschaftszweig, der mit Memorabilia, oder, moderner gesprochen, mit „merchandise“ Umsätze generierte. Die gefeierten Gladiatoren oder Wagenlenker wurden auf Öllampen und Trinkbechern, Messergriffen oder als Tonstatuetten verewigt und, dank professioneller Manufakturen als Massenprodukt hergestellt, in hoher Stückzahl unter das Volk gebracht. Diesem Umstand gedankt, liegen eben jene Zeugnisse der materiellen Kultur in entsprechender Menge als archäologische Bodenfunde aus nahezu allen Gebieten des ehemaligen Machtbereichs der Römer vor. Schon das gewählte Fertigungsmaterial suggeriert für die Majorität der Produkte, dass es sich um verhältnismäßig billige Artikel gehandelt haben dürfte. Es erscheint logisch, dass die Hersteller dieser Produkte auf eine zwar große aber nicht besonders finanzkräftige Käuferschaft abgezielt haben dürften. Mit dem 2. Jahrhundert treten neben die Massenartikel jedoch Fanartikel deutlich höherer Qualität, wie zum Beispiel Gläser mit Emaille-Bemalung oder figurative Darstellungen in Elfenbein, Bernstein und Buntmetall. Dieses Phänomen äußert sich zeitlich parallel zur vermehrten Darstellungen der Gladiatur und von Wagenrennen in der privaten Repräsentationskultur, genauer in Form von Mosaiken und Wandmalereien. Die Oberschicht der Späten Republik und der Frühen Kaiserzeit greift noch ausnahmslos auf andere Bildthemen zurück, nämlich vorwiegend mythologische, vereinzelt auch historische Szenen. Darstellungen der Helden der Arenen, oft unter Angabe von Namen, sind ein absolutes Novum des 2. Jahrhunderts, dass in der Folge bis in die Spätantike beobachtet werden kann. Ob hier der Niedergang eines klassich-graecophilen „Bildungsbürgertums“ für das Imperium Romanum konstatiert werden kann, ist nur eine von vielen Fragen, die in diesem Kontext von Interesse sind. Wo lässt sich dieser Wechsel in der Kunst hauptsächlich nachvollziehen, wo liegt sein regionaler Schwerpunkt? In der mediterranen Welt oder vielmehr in der Peripherie des Reiches? Sind es vielleicht die aufstrebenden Eliten der unterworfenen Völker Nord-West-Europas, die hier nach einer neuen, repräsentativen Bilderwelt suchen?

Eine konkrete, wissenschaftliche Betrachtung der archäologisch fassbaren „Fanartikel“ der Römischen Kaiserzeit deckt die Frage nach Wert und Äquivalent für diese Epoche in doppeltem Sinne ab. Der erste Aspekt ist der rein merkantile: Wie und wo erfolgt Herstellung und Distribution der Waren? Handelt es sich um lokale Erzeugnisse mit eingeschränkter Vermarktung oder erfolgt eine weitreichende Verbreitung über Zwischenhändlern, sprich, wirft der Verkauf genug Gewinn ab, dass sich kapitale Großbetriebe dafür interessieren oder lohnt sich die Herstellung nur für den jeweiligen Handwerker vor Ort? Der andere Aspekt berührt den ideellen Wertebegriff: was ändert sich in der Auffassung der römischen Eliten, dass Gladiatur und Zirkus mit einem Mal es wert sind, künstlerisch eingefangen zu werden und in der Form von Fresken, Mosaiken oder Statuetten die Villen und Stadthäuser der Oberschicht zu zieren? Tritt die populäre Unterhaltungskultur gleichberechtigt neben die klassischen Bildwelten der Antike? Handelt es sich um einen Verdrängungsprozess? Und was sagt das über die Gesellschaft aus?

Eine systematische Aufnahme des Fundmaterials in Verbindung mit einer konkreten Ansprache, Kontextualisierung und einer möglichst exakten Datierung soll den Grundstein einer entsprechenden Aufarbeitung dieser Fragen setzen. Dies hilft die Frage nach Produktionsstädten und Reichweite des jeweiligen Marktes zu beantworten beziehungsweise die Suche einzugrenzen. Der Kontext der Auffindung des jeweiligen Artefakts kann außerdem Aufschluss über die ehemaligen Besitzer und deren soziale Stellung geben. So ist, wie oben bereits angedeutet, etwa eine tönerne Öllampe mit Darstellung eines Gladiatorenkampfes aus dem Wohnbereich eines römischen Streifenhauses anders zu bewerten, als das elaborierte Mosaik mit gleich mehreren Gladiatoren-Paarungen aus der villa rustica von Nennig an der Mosel. Ergänzt werden muss die archäologische Aussagekraft der Funde und Befunde durch die Zeugnisse der antiken Literatur und Epigraphik. Denn über die Hintergründe einer Werteverschiebung in der Gesellschaft, was die Beurteilung von gemeinen Sport- und Unterhaltungsveranstaltungen anbelangt, können uns diese Quellen weit mehr Auskunft geben, als die Funde allein. So lässt sich nur anhand schriftlicher Überlieferung nachvollziehen, wer die jeweiligen Spielgeber oder die Besitzer von Gladiatorenschulen und Rennställen waren. Diese Informationen sind aber von übergeordneter Aussagekraft für lokale und soziale Einbindung der Spiele in die römische Welt und somit für die Veränderungen in ihrer öffentlichen Wahrnehmung.